Der aktuelle Wohnungslosenbericht der Bundesregierung zeichnet ein differenziertes Bild der signifikant steigenden Wohnungslosigkeit in Deutschland. Insbesondere Zugewanderte aus Osteuropa sind überproportional von langfristiger Wohnungslosigkeit und fehlendem Zugang zu Sozial- und Gesundheitsdiensten betroffen.
Das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) hat Anfang Januar 2025 den Wohnungslosenbericht 2024 veröffentlicht. Der Bericht gibt Auskunft über Umfang und Struktur von Wohnungslosigkeit in Deutschland. Dabei wird zwischen drei Gruppen wohnungsloser Menschen unterschieden: Die größte Gruppe bilden die Menschen, die untergebracht wohnungslos (1) sind, also in Einrichtungen der Kommunen und der Wohnungsnotfallhilfe leben. Laut Statistischem Bundesamt waren das zum Stichtag 31. Januar 2024 insgesamt 439.465 Personen. Dazu kommen etwa 60.400 Personen, die bei Angehörigen, Freunden oder Bekannten unterkommen, also verdeckt wohnungslos (2) sind, und rund 47.300 Personen, die wohnungslos ohne Unterkunft (3), also auf der Straße oder in Behelfsunterkünften leben. Berücksichtigt man rund 15.600 Doppelerfassungen, so leben in Deutschland insgesamt rund 531.600 wohnungslose Menschen.
Im Vergleich zur letzten Erhebung aus 2022 verzeichnet der aktuelle Bericht einen deutlichen Anstieg der Wohnungslosenzahlen. Besonders ausgeprägt ist dieser bei wohnungslosen Personen, die in Unterkünften untergebracht sind (+261.366). Auch die Zahlen der verdeckt Wohnungslosen (+3.804) und der obdachlosen Personen ohne Unterkunft (+3.831) sind gestiegen, wenn auch in geringerem Maße. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Zahl der wohnungslosen Menschen mit mehr als einer halben Million einen alarmierenden Höchststand erreicht hat. Unter die Gruppe der von Wohnungslosigkeit Betroffenen fallen neben Geflüchteten auch Zugewanderte aus der EU, denen Zugang zu Wohnraum nicht gelingt oder die prekär untergebracht sind.
Der Wohnungslosenbericht 2024 widmet sich in Kapitel 3 schwerpunktmäßig der Gruppe der zugewanderten wohnungslosen Menschen, die verdeckt wohnungslos (2) oder gänzlich ohne Unterkunft (3) in Deutschland leben. Ein Fokus wurde dabei u.a. auf die Lebenslage der wohnungslosen EU-Bürger/innen aus Ost- und Südosteuropa gelegt.
Demnach stammt die Mehrheit der zugewanderten Personen, die verdeckt wohnungslos sind oder ohne Unterkunft in Deutschland leben, aus der EU (59 %), v.a. aus Polen (20 %), Rumänien (16 %) und Bulgarien (6 %). Bei näherer Betrachtung der Zahlen fällt auf, dass Personen aus Polen, Rumänien und Bulgarien überproportional oft „auf der Straße“ leben. Zusammen machen sie über die Hälfte der Nichtdeutschen ohne Unterkunft aus und sind damit besonders häufig prekären Lebensumständen ausgesetzt. Für Menschen ohne Unterkunft sind die Möglichkeiten zur hygienischen Selbstpflege sowie zur sicheren Aufbewahrung persönlicher Dokumente und Gegenstände ebenso wenig gegeben, wie ein zuverlässiger Schutz vor Witterung, physischer und psychischer Gewalt.
Ein weiterer alarmierender Befund des Berichts ist die lange Dauer der Wohnungslosigkeit vieler Betroffener. Insbesondere Menschen aus Polen, Rumänien und Bulgarien verbleiben mit 68,4 % häufig über ein Jahr hinaus ohne festen Wohnsitz – ein Anteil, der im Vergleich zu anderen Gruppen auffallend hoch ist.
Knapp 15 % der Personen (Deutsche und Nichtdeutsche), die von Wohnungslosigkeit betroffen sind, geraten nach einem Arbeitsplatzverlust schnell in eine Abwärtsspirale: Der Verlust des Einkommens führt häufig zu Mietschulden, schließlich zum Verlust der Wohnung. Besonders prekär ist die Situation für Menschen aus Ost- und Südosteuropa, bei denen das Mietverhältnis oftmals direkt an ein Arbeitsverhältnis gekoppelt ist. Viele EU-Bürger/innen stehen nicht nur vor dem Verlust ihrer Wohnung, sondern auch vor erheblichen Hürden bei der sozialen und wirtschaftlichen Wiedereingliederung. Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist für sie häufig eingeschränkt – durch Sprachbarrieren, fehlende Anerkennung von Qualifikationen sowie mangelnde Unterstützung bei der Jobsuche. Wohnungsknappheit sowie hohe Wohnungskosten vor allem in den urbanen Zentren verschärfen die Situation zusätzlich. Zudem bleibt vielen Betroffenen aufgrund unklarer oder fehlender Krankenversicherung der Zugang zu notwendigen medizinischen Leistungen verwehrt. Um diese Abwärtsspirale zu durchbrechen, bedarf es nicht nur gezielter Maßnahmen zur (community - basierten) Unterstützung bei der Wohnraumsuche, sondern auch einer strukturellen Förderung von sozialem Wohnraum, niedrigschwelligen Angeboten zur Integration in den Arbeitsmarkt und einem erleichterten Zugang zu Gesundheitsleistungen.
Der Wohnungslosenbericht 2024 liefert notwendige Informationen zur Situation von wohnungslosen Menschen in Deutschland, um gegen Missstände vorzugehen. Der Bund arbeitet mit vielen anderen Akteuren an konkreten Strategien, um Wohnungslosigkeit langfristig zu bekämpfen und die Lebensbedingungen von Betroffenen zu verbessern. Bereits im April 2024 wurde nach einem umfassenden Beteiligungsprozess unter Federführung des BMWSB der Nationale Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit (NAP W) beschlossen. Ziel ist es, die bestehende Wohnungs- und Obdachlosigkeit bis zum Jahr 2030 zu überwinden. Die hierin erarbeiteten Maßnahmen müssen nun konsequent umgesetzt und fortentwickelt werden. So geht es unter anderem darum, Diskriminierung und Rassismus am Wohnungsmarkt entgegenzuwirken. Menschen, die zu uns kommen, brauchen flächendeckend mehrsprachige Anlaufstellen- und Beratungsstrukturen vor Ort, z.B. zur Unterstützung bei der Wohnungssuche und bei Mietkonflikten zwecks Prävention vor Wohnungsverlust.
Die EU-Gleichbehandlungsstelle informiert und schult unter enger Einbindung der Beratungsstellen bereits seit 2 Jahren zum Thema Arbeit und Unterbringung und plant diese Zusammenarbeit 2025 zu intensivieren.
Darüber hinaus fördert die EU-GS mit dem Modellprojekt „Social Media Streetwork (SoMS)“ digitale Erst- und Verweisberatung von besonders benachteiligten EU-Bürger/innen und Wohnungslosen. Dieses Projekt läuft im Rahmen des EhAP Plus-Programms für bessere soziale Eingliederung von 2022 bis 2026. Das Programm ist Teil des Europäischen Sozialfonds.
Praxisleitfaden der EU-Gleichbehandlungsstelle: Arbeiten ohne Meldeadresse
Mehr über den Nationalen Aktionsplan finden Sie hier.
Den Wohnungslosenbericht 2024 können Sie hier einsehen.